Zeit für Lebensretter:innen

„Im besten Fall rettest du Leben.“ – Niklas’ Weg zur Stammzellspende

Ein spontaner Wangenabstrich. Zwei Jahre später kam der Anruf. Und plötzlich war da dieser Gedanke: Irgendwo wartet mein genetischer Zwilling auf mich.
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18.02.2026

Niklas hat sich 2023 bei einer Aktion im Krankenhaus Mittweida registrieren lassen – einfach nur mit drei Wattestäbchen. Im November 2025 wurde er dann als Stammzellspender angefragt. Hier erzählt er ehrlich, wie sich Aufregung, Zweifel und Hoffnung angefühlt haben und warum fünf Minuten alles verändern können.

„Ich bin einfach hingegangen.“

Ich heiße Niklas, studiere Audio & Acoustical Engineering an der Hochschule Mittweida und würde sagen: Ich bin ziemlich normal unterwegs. Ich höre und mache gern Musik, gehe auf Konzerte, zocke ein bisschen und trainiere im Fitnessstudio. Am 14. November 2023 war im Krankenhaus Mittweida eine Registrierungsaktion. Ein Bewohner unserer Stadt war an Krebs erkrankt und man hatte auf das Thema Stammzellspende aufmerksam gemacht.

Ich hatte ungefähr ein Jahr vorher versucht, Blut zu spenden. Das hat nicht geklappt, weil meine Venen dünn und schwer zu finden sind. Man hatte Sorge, dass sie „zerstochen“ werden könnten. Als ich von der Aktion gehört habe, dachte ich: Ein Abstrich ist schnell gemacht. Also bin ich spontan hin. Die Registrierung (auch Typisierung genannt) war wirklich nur ein Wangenabstrich mit jeweils 3 Wattestäbchen. Fünf Minuten, vielleicht weniger. Ich bin damals sogar davon ausgegangen, dass eine Stammzellspende immer über das Knochenmark läuft. Dass es auch die periphere Stammzellenspende über das Blut gibt, habe ich tatsächlich erst viel später erfahren. Aber in dem Moment ging es einfach darum, sich eintragen zu lassen. Ohne großes Nachdenken.

Der Anruf im Fitnessstudio und plötzlich wird es ernst

Im November 2025 bekam ich im Fitnessstudio einen Anruf vom VKS Deutschland. Mir wurde gesagt, dass ich als Stammzellspender infrage komme. Mein erster Gedanke war ehrlich gesagt: „Fuck.“ Nicht aus Angst davor zu helfen, sondern weil ich nicht damit gerechnet hatte. Meine Registrierung war ja erst zwei Jahre her. Ich dachte, wenn überhaupt, höre ich vielleicht irgendwann in zehn Jahren mal etwas. Dass ich jemandem damit wirklich helfen könnte, habe ich bis heute noch nicht komplett realisiert. Ich weiß, dass da draußen jemand dringend auf meine Hilfe angewiesen ist. Aber das ist schwer greifbar. Es fühlt sich gleichzeitig riesig an und irgendwie weit weg. Vor der Spende bekommt man G-CSF. Das ist ein Wachstumsfaktor, der dafür sorgt, dass Stammzellen aus dem Knochenmark ins Blut gelangen. Diesen Prozess nennt man Mobilisierung. So können die Stammzellen später über das Blut gesammelt werden. 

Ich war definitiv aufgeregt. Vor allem bei der Vorbereitung hatte ich Angst, etwas falsch zu machen. Spritze vorbereiten, Medikament aufziehen, Spitze wechseln: das hat mich mehr beschäftigt als das eigentliche Spritzen. Die Nebenwirkungen waren bei mir eher mild. Leichte bis mittelmäßige Kopfschmerzen, Rückenschmerzen und generelle Schlappheit. Einen Tag vor der Spende war es am unangenehmsten. Die Kopfschmerzen gingen nicht von alleine weg, aber ich habe Schmerztabletten bekommen. Es war unangenehm, aber aushaltbar.

Fünf Stunden Spende und ganz viel Hoffnung

Am Tag der Spende war ich maximal aufgeregt. Ich habe an alles und gleichzeitig an nichts gedacht. Am meisten ging mir durch den Kopf, ob alles wie geplant klappen würde – gerade wegen meiner dünnen Venen. Bei mir wurde eine periphere Stammzellenspende durchgeführt. Das heißt: Die Stammzellen werden über das Blut gesammelt. Das Verfahren nennt sich Apherese. Dabei wird dein Blut durch eine Maschine geleitet, die die Stammzellen herausfiltert. Der Rest fließt zurück in deinen Körper. Die Spende dauerte ungefähr fünf Stunden. Am Anfang war ich noch ziemlich angespannt. Aber je länger es dauerte, desto ruhiger wurde ich. Ich hatte ein Buch dabei, habe es aber garnicht erst angefasst. Die meiste Zeit habe ich Musik gehört, Videos geschaut oder mich mit meiner Begleitung unterhalten. 

Die Maschine hatte ich mir lauter vorgestellt. Aber sie hat im Vergleich eher geschurrt wie ein Stubentiger. Nach der Spende war ich erschöpft. Ich hatte währenddessen wenig getrunken und nichts gegessen, das habe ich danach erstmal nachgeholt. Mein Körper hat deutlich gezeigt, dass er gearbeitet hat. Selbst die paar Treppen zum VKS-Büro waren plötzlich eine kleine Herausforderung. Gedanklich habe ich einfach nur gehofft, dass meine Stammzellen ihren Zweck erfüllen und mein genetischer Zwilling sie gut verträgt. Und dass er oder sie den Krebs besiegt.

Warum ich dir sage: Mach es einfach

Was mich wirklich beschäftigt hat, ist die Erkenntnis, wie plötzlich eine Krebsdiagnose kommen kann. Das Leben kann sich von einem Moment auf den anderen komplett verändern. Es kann jeden treffen. Deshalb bin ich heute froh, dass ich mich damals registrieren lassen habe. Ich wusste nicht, ob ich jemals gebraucht werde. Aber ich wusste: Wenn ich es nicht mache, fehlt vielleicht genau diese eine Chance. Wenn du gerade noch unsicher bist, ob du dich registrieren sollst, dann sag ich dir das so, wie ich es meine:

"Es ist nur ein einfacher Abstrich. Er dauert fünf Minuten. Im schlechtesten Fall bleibt ein bisschen Watte im Mund kleben. Im besten Fall rettest du Leben."

Du kannst der genetische Zwilling von jemandem sein, der ohne dich keine echte Chance hat. Und alles, was du dafür tun musst, ist: dich registrieren.

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