Zeit für Betroffene

Unsere Reise mit der Diagnose Blutkrebs

Selbst nach 5 Jahren fehlen mir die richtigen Worte.
Dieter Langner steht mit Zuversicht auf einem Balkon, umgeben von einer malerischen Landschaft, ein Sinnbild für Hoffnung und das Engagement im Kampf gegen Blutkrebs
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21.11.2023

Heidi Langner teilt die Geschichte ihres Mannes Dieter, der vor 5 Jahren die Diagnose aggressiver Blutkrebs erhalten hat: "Mein Mann Dieter und ich erhielten diesen schlimmen Befund, von dem wir nicht ahnten, was er so richtig bedeutet und wie es weitergeht."

Die Diagnose lautete: aggressiver Blutkrebs

"Ich weiß noch genau, es war ein Freitag. Wir saßen uns beide am Küchentisch zu Hause gegenüber und versuchten mit dieser Nachricht, welche wir im Uniklinikum Leipzig erhielten, umzugehen. Was aber völlig absurd war, denn wir hatten keine Ahnung, wie man mit solch einer Diagnose umgeht. Auch überzogen wir nicht die Schwere und somit die Dringlichkeit für die weiteren Schritte der Behandlung. 

Wir telefonierten noch am gleichen Abend mit unseren beiden Kindern und setzten sie davon in Kenntnis. Erzählten aber auch, dass wir das erstmal in Ruhe angehen und uns damit beschäftigen müssen. Auch wenn der Professor der Uniklinik meinte, dass wir ganz schnell einen Stammzellspender finden müssten, da die Krankheit uns einen Zeitrahmen von nur noch einem halben Jahr lassen würde.

Und genauso vermittelten wir dies unseren Kindern. Wir haben Zeit und es wird schon alles gut werden."

Ein Hilferuf auf Facebook und die überwältigende Unterstützung aus der Gemeinschaft

"Was wir jedoch nicht ahnten und wussten war, dass unsere Tochter Mary in der gleichen Nacht über Facebook einen hochemotionalen Aufruf startete und herzzerreißend um Bereitschaft zur Spende aufrief. Die Nutzer von Facebook reagierten. Unter anderem auch unser Oberbürgermeister, Mario Horn, aus Oelsnitz kontaktierte mich gleich am Samstagmorgen, dass er den Hilferuf von Mary gelesen hatte und für den darauffolgenden Dienstag mit der Markt-Apotheke in Oelsnitz eine Spendenaktion organisiert hatte. Dort hatte der Ehemann einer Angestellten vor Jahren auch diese Diagnose erhalten und meinte, dass wir hier in guten und verständnisvollen Händen aufgehoben seien.

Ab diesem Wochenende war nichts mehr wie es war. Wir funktionierten und hatten scheinbar unendliche Fähigkeiten, trotz der Diagnose, diese Aktionen wie in Trance durchzustehen.

An diesem besagten Dienstag waren tolle Helfer der Selbsthilfegruppe, des Apothekenteams, selbst der Oberbürgermeister und natürlich wir vor Ort. Die Bereitschaft der Bevölkerung ließ uns nicht nur einmal die Tränen in die Augen schießen. 

Wir waren unendlich dankbar, dass so viele Bekannte von uns und die Bekannten und Freunde unserer Kinder dem Aufruf und der Bitte zur Typisierung gefolgt waren. Es wurden Plakate und Handzettel vom Verein für Knochenmark- und Stammzellspenden e.V. gedruckt und überall ausgehängt. Die Presse nahm Anteil an unserer Situation.

Es war überwältigend.

Ich spürte wie beliebt mein Mann, als ehemaliger Kriminalist, war und das machte uns unendlich stolz und stark und setzte ungeahnte Kräfte in uns frei. Weitere Spendenaktionen wurden parallel organisiert.

Seine ehemaligen Polizeikollegen der PD Plauen organisierten einen Spendenmarathon zur Typisierung, die apo-rot Apotheke Plauen rief eine Aktion auf ihr Programm und begleitete uns total menschlich und mit voller Anteilnahme. 

An der Uni in Essen, wo unsere Tochter Lehramt studierte, wurde eine Typisierungsaktion organisiert. Eine supertolle Bekannte übernahm die Organisation in einer medizinischen Einrichtung in Bad Elster. 

Innerhalb kürzester Zeit konnten wir mehr als 1.000 Typisierungen vorweisen. Wir waren überwältigt von der beispiellosen Bereitschaft uns, meinem Mann, in dieser schweren Zeit, beizustehen und vielleicht derjenige zu sein, welcher unser Retter sein könnte."

Fokussierte Teilnehmer bei einer Typisierungsaktion als Stammzellspender zur Bekämpfung von Blutkrebs

Die Stammzelltransplantation: Eine zweite Chance

"In einem Gespräch mit dem Professor der onkologischen Abteilung am Klinikum Leipzig wurde uns nach einigen Wochen mitgeteilt, dass die internationale Datenbank 3 potenziell geeignete Spender gefunden hat. 

Der Wettlauf mit der Zeit begann. 

Das Immunsystem von Dieter wurde langsam heruntergefahren. Es war auch für mich selbstverständlich, dass ich ihn zu allen Gesprächen und Behandlungen, welche dann fast täglich erfolgten, begleitete. Dann kam Corona mit extremen Einschränkungen bezüglich begleiteten Fahrten durch mich. Ich verharrte oft Stunden im Auto um ihn wenigsten bei der Hin- und Rückfahrt nicht alleine zu lassen. Es erfolgte die Einweisung in die Isolationsstation im Klinikum. Unter extremen Bedingungen besuchte ich ihn aller 2 Tage regelmäßig.

Es nahte der Tag X , der Tag der angedachten Stammzelltransplantation. Hoch aufgeregt und mit tausend Fragen und Ängsten, wie z. B. was ist, wenn der Spender erkrankt, es doch ablehnt oder der Transport durch einen Zwischenfall nicht pünktlich vor Ort ist. Ich glaube diese Stunden des Wartens, waren für uns die schlimmsten in dieser Zeit. 

Dann erfolgte am 29. Mai 2019, 16:21 Uhr, die Anstöpselung an den lebensrettenden Beutel mit über 7 Mio. Stammzellen. (normale Spenden beinhalten ca. 3 Mio. Stammzellen). Also konnte es nur gut werden. Nach über 2h waren die Stammzellen des Spenders im Körper von Dieter. Wir konnten beide nur noch weinen. Diese Zeit gehörte zu den emotionalsten Stunden in unserem Leben. Es war seine 2. Chance zu leben. Ich war so dankbar, dass ich dabei sein durfte und die Spende genau zu meiner Besuchszeit eingetroffen war. Es war unsere Zeit."

Kämpfen trotz Herausforderungen

"In den Wochen danach ging es nur noch bergauf. Wie gesagt, wir ließen keine Option zu, die es verbot, dass etwas nicht klappte. Es folgten weitere unzählige Chemos zur Stabilisierung. Es schien, dass der Alltag zu uns zurückkehren sollte. Durch fast 100 Chemos war sein Körper natürlich geschwächt und wir mussten extrem in der Familie aufpassen, dass er sich keinen Virus einholte. Corona bestimmte unser Leben. Es gab nur telefonischen Kontakt zu den Kindern und Enkeln. Wir achteten auf penible Sauberkeit und hielten uns intensiv an die Vorgaben der Ärzte.

Am Abend des 29. Juni 2020 setzte jedoch ein Hirnbluten ein und schlagartig war alles zum wiederholten Male anders. Er wurde ins Klinikum nach Leipzig geflogen und sollte dort in ein Koma versetzt werden. Er war jedoch so willensstark, dass die Ärzte darauf verzichteten. Nach Stunden der Hoffnung hatte sein Körper jedoch keine Kraft, diese zusätzliche Belastung wegzustecken. Er hatte seinen eigentlichen Kampf nicht verloren, er hatte nur unfaire Gegner."

Die Verbindung zu dem Stammzellspender: Ein neuer Teil unserer Familie

"Da bei einer Transplantation der Spender für den jeweils Erkrankten 2 Jahre für private Kontakte gesperrt ist, hatte sich diese Sperre nach dem Tod erübrigt. Ich beantragte die Aufhebung der Sperre und war gespannt, ob der Spender uns ebenfalls kennenlernen wollte. 

Nach einigem „Papierkram“ begann die Warterei.

Und es geschah tatsächlich, der Spender wollte auch zu uns Kontakt aufnehmen. Nach anfänglicher und zögerlicher allgemeinen Korrespondenz, wurde es sehr schnell innig, vertraut und total familiär. Inzwischen erfolgte nach fast wöchentlichen WhatsApp der erste Besuch der Familie bei uns zu Hause. Unsere ganze Familie, Kinder und Enkel, waren total aufgeregt. Wir hatten zudem das Glück, dass der Spender in Deutschland wohnte. 

Nach anfänglichem Smalltalk fielen alle Grenzen und sie wurden innerhalb weniger Minuten, möchte man sagen, Bestandteil unserer Familie. Es war hochinteressant die Stammzellentnahme aus Sicht des Spenders zu erfahren. Welche Risiken und Einschränkungen auch für den Spender daraus resultieren."

"Wir haben eine tolle junge Familie dazu bekommen und haben höchsten Respekt vor solchen Alltagshelden."
Familie und sein genetischer Zwilling versammeln sich, um Dieter Langners Vermächtnis der Unterstützung für Typisierungsaktionen zu ehren

"Danke, liebes Team, allen Freunden, die uns in dieser schweren Zeit zur Seite standen, meiner Familie und ganz besonders unserer Spenderfamilie, denn auch solch eine Entscheidung ist zwar erstrangig die Entscheidung des Spenders, aber auch die eigene Familie muss ihn dabei unterstützen."

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